Donnerstag, 21. Januar 2016
Der Film "Her" und die Frage, ob man mit einer virtuellen Freundin leben kann
Kann man sich in ein Computersystem verlieben, welches vorgibt, die beste Freundin zu simulieren? Ist der Mensch in der Lage, auseinanderzuhalten, dass er gerade nicht mit einem Menschen, sondern mit einem computergesteuerten Programm spricht?
Dieser Frage geht der amerikanische Film "Her" aus dem Jahr 2013 nach.
In ihr lebt der Autor Theodore Twombly. Er schreibt Briefe für Menschen, die einen nicht so guten Zugang zum Verschriftlichen von Gedanken haben und denen es schwer fällt, gefühlvolle Texte, wie Liebesbriefe oder Entschuldigungen, etc., zu verfassen.
Er selbst wurde von seiner Frau verlassen und steckt mitten in der Scheidung. Man merkt ihm an, wie sehr ihn dieser Zustand bedrückt, denn er war mit seiner Jugendliebe verheiratet und hat sie sehr geliebt.
Im Zustand der Einsamkeit gerät er an ein neues, gerade auf den Markt gekommenes Operating System. Dieses verspricht, für ihn die perfekte Freundin zu kreieren, nachdem Theodore ein paar persönliche Fragen des Operating Systems beantwortet hat.
Heraus kommt eine Persönlichkeit namens "Samantha", die nun Tag und Nacht zu Theodors Verfügung steht. Sie checkt seine Mails, stellt Playlisten zusammen, löscht ungelesene Daten von seinem PC und gibt so vor, die perfekte Frau für ihn zu sein.
Das „Freundinnen-Programm“ wurde über mehrere Jahre von hunderten Wissenschaftlern ausgetüftelt und soll exakt menschliche Bedürfnisse und Gefühle sprachlich wiedergeben. Es ist ein Ersatz für eine wirkliche Freundin oder einen Freund.
Den Ersatz darzustellen, gelingt "Samantha" so gut, dass Theodore beginnt, sich in die programmierte Dame zu verlieben. Sie wird zu seiner "festen Freundin", die er zu Treffen bei seinen realen Freunden mitnimmt und sie via Lautsprecherfunktion seines Handys an Gesprächen teilnehmen lässt. Ansonsten unterhält er sich mit ihr mittels Kopfhörer.
Es kommt, wie es kommen muss und Theodore und Samantha haben ihren ersten Streit, den Theodore ziemlich bedrückt verlässt. Irgendwann nähern sie sich wieder an und Theodor und Samantha verbringen viele Monate miteinander, bis sie eines Tages nicht mehr für ihn erreichbar ist...
Der gesamte Film spielt in der Zukunft, eine Zukunft, die eher Robotern als Menschen gehören zu scheint. Zwischen all den Hochhäuserglasfassaden und der den Menschen einnehmenden Technologie erschien mir ein einziges Lebewesen wie eine kleine Ameise in einem großen Ameisenstaat.
Zudem wurde der Mensch von Technik umgeben, die es heute noch nicht gibt, die aber in der nicht mehr allzu fernen Zukunft sehr wahrscheinlich zu werden scheint.
Ich als kleine technikbegeisterte Ameise fand es sehr interessant, zu sehen, was alles auf uns zukommen wird.
Und gleichzeitig machte es Angst. Angst, nur noch von der Technik abhängig zu sein, denn der Mensch schien immer mehr in den Hintergrund zu treten. Das Leben fand zwischen Mensch und Computerprogramm statt, statt von Mensch zu Mensch.
Viel wichtiger aber war für mich zu sehen, wie eine "zwischenmenschliche" Beziehung zu einer virtuellen Freundin funktioniert. Sollte man nicht meinen, ein Mensch ist dauerhaft in der Lage, zwischen menschlicher und maschineller Kommunikation zu unterscheiden? Eine Maschine ist ein Gegenstand, den man bei Belieben nach Gebrauch wegwerfen kann. Der Mensch nutzt ihn, solange er Spaß daran hat... Ups, was für eine scheinbare Parallele zu heutigen menschlichen Beziehungen, denn es erweckt den Anschein, dass derzeitige Beziehungen zwischen zwei Homo sapiens genau so funktionieren.
Nun gut, dieses "Freundinnen-Programm" existiert also und Theodore lässt sich auf die unsichtbare Dame, deren Stimme er - im wahrsten Sinne des Wortes - im Ohr hat, ein. Das "Freudinnen-Programm" möchte menschlich werden und bittet um viele Beschreibungen von Theodors Umgebung und Gegenständen. Theodor nimmt Samantha mit in seinen Alltag. Er beschreibt ihr Dinge, die er sieht oder anfasst. Aber auch, wie sich Sachen anfühlen, welche emotionale Sicht er auf seine Exfrau und die Scheidung einnimmt. Und das „Freundinnen-Programm“ speichert alles, was Theodore ihm erzählt. Samantha wird zur wahren Freundin, nur besser, denn sie scheint ihn vollkommen zu verstehen.
Theodore kann bald nicht mehr unterscheiden, ob es sich um einen Menschen oder eine Maschine handelt. Dass Samantha über keinen physischen Körper verfügt, stört ihn nicht. Er entwickelt sehr menschliche und natürliche Gefühle für sie.
Das zeigt mir, dass ein Lebewesen jederzeit verbindende oder auch distanzierende Gefühle für ein Objekt entwickeln kann, sobald sich der Mensch näher darauf einlässt. Sei es, dass der Mensch dem Objekt Zeit widmet, es genauer hinsichtlich der Beschaffenheit untersucht und mit ihm Erlebnisse verbindet, was wohl letztlich das Wichtigste zu sein scheint. Es muss eine emotionale Bindung geschaffen werden.
Der Mensch projiziert seine Gefühle auf ein Objekt, das somit im Ansehen des Menschen steigt. Das führt dazu, dass der Mensch meint, ohne dieses Objekt nicht oder nur schwer leben zu können und er es in seinem Leben nicht mehr missen möchte.
Wenn das Objekt zudem noch zur Unterhaltung fähig ist und Dinge sagt, die der Mensch hören möchte, dann ist die verbindende Beziehung perfekt.
Das heißt, für den Menschen ist es ganz egal, ob er ein Objekt oder ein Lebewesen vor sich hat.
Das kann man auch in "Cast away - Verschollen" sehr gut sehen, dem Film, in dem Tom Hanks auf einer einsamen Insel strandet, einen Volleyball in einem mit ihm gestrandeten Paket findet und diesen nutzt, um mit ihm zu sprechen, um nicht "ganz allein" auf der Insel zu sein.
Apropos "gut mit sich allein sein".... Ist man wirklich allein, wenn man eine Beziehung zu einem Objekt aufbaut? Von außen betrachtet schon, denn wie sieht es, aus, wenn man allein durch seine leere Wohnung läuft, wie Theodore es in „Her“ tut und "mit sich selbst redet", bzw. es aussieht, als führe er gerade ein Telefongespräch über Kopfhörer.
Ich wiederum denke, der Mensch (oder auch Theodore) ist nicht allein, denn in seinem Kopf entstehen Visionen, die mit Gefühlen verknüpft werden. Für die anderen Menschen um ihn herum ist Theodore allein, doch er, in seiner Welt, die kein Anderer kennt, ist nicht allein. Er lebt wirklich mit diesem Objekt zusammen. In seiner Welt ist alles real.
Von außen betrachtet können Menschen also gut allein sein, von innen betrachtet sind sie es aber gar nicht, weil immer jemand ihren Geist mit Leben füllt.
Nun zu den negativen Seiten, denn so schön das Leben mit Samantha für Theodore auch ist, es endet irgendwann. Und Theodore ist wieder allein, verlassen von einem Objekt und in der gleichen Gefühlsspirale der Trauer, Verzweiflung und Wut gefangen, als hätte ein Mensch ihn verlassen.
Es macht also auch hier keinen Unterschied, ob es sich um einen Homo sapiens oder ein Objekt handelt, der Schmerz bleibt der gleiche.
Der Film machte mich letztendlich sehr nachdenklich. Sind wir Menschen wirklich so dumm, auf eine Maschine hereinzufallen? Die Antwort ist: JA!, der Mensch macht sich von einer Maschine abhängig. Er würde mit einer Maschine befreundet sein und sie evtl. sogar heiraten. Brauchen wir also keine anderen Menschen mehr, um auf dieser Erde zu leben? Wohl nicht, wenn man jemanden hat, der die emotionalen Bedürfnisse des Menschen befriedigt.
Das macht mir Angst. Aber zugleich zeigt es auch die Möglichkeiten auf, zu denen Mensch und Maschine in einem worst-case-Szenario fähig wären. Man kann quasi der einzige überlebende Mensch auf dem Planeten sein, wenn einem Pflanzen und Wasser für die tägliche Nahrung zur Verfügung stehen. Anbauen und bewässern macht man allein, auch das Haus errichtet man selbst und unterstützt wird man emotional durch ein PC-Programm (das mit dem einzigen Menschen und den Pflanzen/dem Wasser also keinen Schaden genommen haben sollte). Der Mensch wäre also nicht mehr allein.
Blöd wird es allerdings, wenn sich das Programm irgendwann einmal aufhängt und nicht mehr in Betrieb genommen werden kann. Denn dann geht auch der letzte Mensch allein zugrunde.
Fazit: Für Misanthropen ist das „Freundinnen-Programm“ sehr zu empfehlen, für Menschenliebhaber jedoch weniger, da es zu keiner physischen Annäherung kommen wird. Zudem empfehle ich den Film „Her“ aus tiefstem, emotionalen, menschlichen Herzen. Seht ihn Euch an.
Freitag, 15. Januar 2016
Von "Marina" und dem Pechkeks - Gruselig ins neue Jahr
Carlos Ruiz Zafón steht für mich seit jeher für spannende Literatur.
Seine Geschichten, die sich meist in Barcelona ereignen, und von mysteriösen Gestalten handeln, die von unwissenden, unbefangenen Menschen aufgespürt werden, die dann, um hinter die Identität der Gestalt zu kommen, in unverständliche Ereignisse verwickelt werden, welche sich im Laufe der Geschichte zu einem Sinn zusammenfügen, sind viel bekannt und viel geliebt. Doch es gibt ein Buch von ihm, das mich zum ersten Mal richtig gruseln und teilweise ekeln ließ. ABER es war so spannend erzählt, dass ich weiterlesen musste, weil ich wissen wollte, wie die Geschichte endet.
Die Rede ist von dem Buch "Marina". Es ist eines von Carlos Ruiz Zafóns ältesten Werken, entstanden 1999, zwei Jahre vor dem Erscheinungsjahr seines Bestsellers "Der Schatten des Windes".
Auf einem ihrer Ausflüge gelangen sie auf einen Friedhof, auf dem eine Dame, ganz in schwarz gekleidet, vor einem Grab steht. Die beiden beobachten die Dame, welche einen geheimnisvollen Eindruck auf sie macht und verfolgen sie, als sie den Friedhof nach einiger Zeit wieder verlässt. Die Dame läuft zu einem Gewächshaus, geht durch eine kaum sichtbare Tür darin und verschwindet. Carlos und Marina wollen genauer wissen, was es mit dieser Dame auf sich hat. An dieser Stelle beginnt der Horror, denn in dem Gewächshaus werden sie von Wesen in menschenähnlicher Gestalt bedrängt, die plötzlich zum Leben erwachen und aus der Decke und den Wänden der Pflanzenzuchtstation treten. Sie sind Untote, beschrieben in den unblumigsten und grausigsten Worten, die ich seit Langem in einem Buch las. Sie treten plastisch vor die Augen des Lesers und lassen ihn erschrecken.
Carlos und Marina flüchten, als sie sich aus den Fängen dieser schrecklichen Wesen befreien können, doch zuvor finden sie auf einem Tisch im Gewächshaus ein Fotoalbum mit einem alten Gruppenfoto. Die beiden machen sich im Folgenden daran, herauszufinden, welche Personen sich hinter den einzeln dort Fotografierten verbergen und stoßen dabei auf Ungereimtheiten und Unheimliches.
Im Laufe der Geschichte erfährt der Leser mehr über das Leben von Marina, ihren Vater German und auch über das oben kurz erwähnte Gemälde, das sich im Hause der Beiden befindet. Es ist eine sehr rührende Geschichte über Zusammenhalt und alte, nie verheilte seelische Wunden, die in einem Nebenstrang an den Leser herangetragen wird.
Auch die Dame in Schwarz taucht immer wieder auf und man erfährt, wer sie ist und was sie ausmacht.
Der Roman vermittelt eine unheimliche, geheimnisvolle, düstere und bedrückende Stimmung, die nur in wenigen Testpassagen unterbrochen wird, zum Beispiel wenn Carlos, Marina und Vater German einen Ausflug an die See machen und dort einige unbeschwerte Stunden zu dritt verbringen. Ansonsten habe ich mich befangen und teilweise auch ein bisschen in Panik versetzt gefühlt, was dazu führte, dass ich mich fragte, ob ich nachts Albträume bekommen werde, denn ich habe den Roman am Abend kurz vor dem Schlafengehen gelesen, was sich an manchen Abenden als semi-gute Idee herausstellte.
Aber he, das Buch war und ist spannend. Dies ist eines der Bücher, die es wert sind, ein zweites Mal gelesen zu werden. Ich empfehle das Buch sehr, auch, oder gerade weil es gruselig ist. ;)
Und da der Beginn des Jahres nicht unheimlicher sein könnte, habe ich gleich noch einen Pechkeks geöffnet. Glückskeks kann schließlich jeder. Er ist schwarz verpackt und selbst das Gebäck wurde mit schwarzer Lebensmittelfarbe getränkt, sodass der Eindruck entsteht, man beißt in Asche, was in Bezug auf das Buch einen mehr als fragwürdigen Eindruck hinterlässt. Aber der Keks war nicht aschig, sondern wirklich lecker, süß, keksig, was mich ein wenig beruhigte.
"Wie siehst Du denn aus?" - hat erst einmal nicht so viel mit Pech zu tun, es sei denn man setzt diesen Spruch, ebenso wie den Keks, in Bezug zu dem Buch. Dann hat er eine ganz andere, tiefere Bedeutung, die sich im Nachhinein erschließen wird, wenn man das Buch gelesen hat. Denn erst dann entfaltet der Pechkeksspruch seine ganze Wirkung. ;)
Also, der aschige Pechkeks samt Füllung und das Buch "Marina" von Carlos Ruiz Zafón sollten unbedingt verschlungen werden. Dem, der es nachmacht, wünsche ich Viel Spaß dabei.
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